Kein willentlicher Akt im Atelier von ManùDer helle Raum in einem Dachstock von Zürich im Kreis vier gehörte früher zu einer Druckerei. Deren Lehrling zog sich manchmal hierhin zu einem unbemerkten Schläfchen zurück. Ein Refugium zum Träumen ist der Raum geblieben oder erst recht geworden, als Manù ihn als Atelier übernahm. Ein Edelpunk war sie damals, vor 22 Jahren, mit einer Frisur aus abstehenden Zöpfchen und einem selbst genähten, mit feinen Pinselstrichen bemalten Kleid. Der Vermieter war beim Vorstellungsgespräch von ihrer Erscheinung ebenso befremdet wie sie von seinem Innerschweizer Chalet mit Schweizer Flagge und Schäferhund. Als sich aber herausstellte, dass der Mann in seinem Schlafzimmer ein Bild von Ernst Morgenthaler hatte, dem Grossvater von Manùs Lebensgefährten Marco, ging im Chalet die Sonne auf. Manù begann ihr neues Atelier einzurichten, strich Wände, Balken und Boden weiss, sodass der Raum mit den schrägen Fenstern zum Himmel noch lichter wurde, und auf der grossen Dachterrasse nebenan pflanzte sie Bäume, Büsche und Blumen, einheimische und exotische durcheinander. In mehr als neunzig Töpfen wachsen sie heute. Manù zeigt es mir auf einem Plan, den sie mal für den Gärtner zum Erstellen einer Bewässerungsanlage skizzierte. Der Gartenschlauch sieht auf der Zeichnung aus wie Girlandenschmuck und die Tische wie kleine Swimmingpools. Atelier und Garten gehören für Manù zusammen. Ihr gefällt das ungeregelte Wachsen und Florieren der Pflanzen, die Vielfalt ihrer Farben und Formen, die immer wieder anders wirken je nach Tageslicht und Jahreszeit. Dies mit anzusehen ist entspannend und schärft zugleich den Blick für die Malerei. Malerei? Manù mag sich nicht auf diese eine Disziplin beschränken. So wie sie am liebsten überall in ihrem Atelier arbeitet am Tisch, an der Staffelei, am Computer und am Boden , so wechselt sie auch leichthin von einem Medium zum andern. Befangenheit wird dabei spielerisch überwunden, Lowtech verwandelt sich unerwartet in Hightech, und Ruhiges gerät in Bewegung. Von Hand bemalte Blätter, die ein Sujet aus unterschiedlichen Blickrichtungen variieren, entwickeln sich weiter zu dreidimensionalen Arrangements, Fotosequenzen, Computergrafik und kleinen Trickfilmen. Die wolfsartigen Schlittenhunde etwa, die Manù bei einer winterlichen Wanderung auf der Gemmi angetroffen hatte, malte sie zunächst auf Pappkarton und drapierte sie zu einer kleinen Bühnenszene. Diese lichtete sie dann ab, übertrug die digitalen Bilder in den Computer und bearbeitete sie dort weiter, bis daraus ein Trickfilm für das Manùseum wurde. Manùseum? Wer den Begriff bei Google eingibt, erhält als Antwort die Frage: «Meinten Sie: museum» und findet den Link zu Manùs virtuellem Museum zuoberst auf einer Liste aller Museen der Welt. Na ja, das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben. Manù erzählt mir, wie sie ursprünglich Bühnenbildnerin werden wollte, aber keine exakten Modelle herzustellen wusste. Ihre Kolleginnen und Kollegen lachten sich schief, und der Dozent machte sie zur Schnecke, weil sie damals eine regelrechte «Antibastlerin» gewesen sei. Sie, die so gern herumpröbelt! Das Interesse, Räume zu gestalten, liess sie jedoch nicht los. Fortan sollte sie es nicht mehr in den Dienst eines Regisseurs, sondern ihrer eigenen Projekte stellen. Heute taucht es nicht nur beim Manùseum, sondern auch sonst in vielen ihrer Arbeiten wieder auf. Nach wie vor würde sich Manù aber nicht als handwerklich geschickt bezeichnen. Es ist eine andere Art Genauigkeit, die sie interessiert: Klarheit zu gewinnen, weshalb sie etwas fasziniert, und zugleich eine adäquate Form zu finden das Faszinierende fokussieren, verdichten und auf den Punkt bringen. Das ist meist ein langwieriger Prozess, über den sie möglichst mit niemandem spricht, damit der Elan nicht vorzeitig auf einer anderen Ebene verpufft. Es gibt Bilder, bei denen sie im Nachhinein nicht mehr weiss, wie sie das hinkriegte. Das Bild mit den Varis zum Beispiel, das ein Leitmotiv ihrer jüngsten Ausstellung ist, entstand nach einem nicht besonders geglückten Nachmittag. Manù wollte einem Kind aus Berlin etwas in Zürich bieten, doch das Kind langweilte sich und machte nur aus Höflichkeit mit. Die Schlittschuhbahn, wo sie gerne hingegangen wären, war geschlossen, und so landeten sie im Zoo, im tropischen Regenwald der Masoala-Halle. Dort turnten zwei Halbäffchen aus Madagaskar lustig in den Bäumen herum und sahen dabei aus, als hätten sie Pullöverchen und Handschuhe an. Aber das Kind hatte bei Eisbär Knut schon Drolligeres gesehen schliesslich kehrten sie missmutig nach Hause zurück. Um ihre Laune aufzubessern, begab sich Manù ins Atelier und nahm eines der Magnolienbilder hervor, an denen sie seit langem malte und die ihr immer unfertig vorkamen. Nun brauchte sie nur noch die zwei Varis ins Bild zu setzen, und alles war richtig. Es war wie ein Geschenk kein willentlicher Akt , plötzlich stimmten die Umstände, sie brauchte den Einfall nur noch am Schopf zu ergreifen. Agathe Blaser |
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